Detailinformationen
"Wilde Xenien" von Max Bruch (an Ernst Rudorff) Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 171
"Wilde Xenien" von Max Bruch (an Ernst Rudorff) Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 171
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
25.06.1895. - 10 Seiten auf 3 Doppelblättern, 33x21 cm, und 28,5x22,5 cm, gefaltet, das 1. Doppelblatt in der Faltkantenmitte mit kleinem Loch durchgebrochen ohne Papierverlust., Deutsch. - Mitteilung, Abhandlung
Inhaltsangabe: "Wilde Xenien" - 45 Xenien (Nr. 27 2x vergeben), die letzte mit dem berühmten "Polizeiliches Verbot, das 1. Violinkonzert von M.B. zu spielen". Transkription: Wilde Xenien 1. Deutsche Oper 1893 Thöricht ist dein Verlangen, dort oben noch Sänger zu hören – Singende Schauspieler nur bietet Germanien Dir. 2. Oper in Wien 1893 Meistern hofft‘ ich zu lauschen; jedoch tremolirende Schüler Hörte gepeinigt mein Ohr dort an der Stätte der Kunst. 3. Nessler im Himmel Grad eine halbe Million verdient ich durch den Trompeter; War’s auch elender Schund, hatten die Kinder doch Brot. 4. Zahnradbahn Nützlich erweist sich das Zahnrad des reisenden Publicums Trägheit, Schnell auf erbärmliche Höh’n schleppt es den Körper hinauf. 5. So auch der geistigen Faulheit kommt der Einakter entgegen, Führt auch, Gute, mit Dampf zur Katastrophe am Schluß. 6. An die Nachahmer Mascagni’s Leidet es denn euer Stolz, ihr schaffenden Künstler Germaniens, Bloß Nachahmer zu sein – seid ihr denn Deutsche nicht mehr? 7. Antwort Daß wir als Deutsche geboren, das haben wir gänzlich vergessen, Fette Tantièmen allein füllen uns Herz und Sinn. 8. Der alte italienische Meister nach seinem Fiasco (Verdi) Leider hat meine Oper den Leuten nur wenig gefallen, Jedenfalls liegt es am Werk – bald, so Gott will, mehr Glück. 9. Der junge deutsche Stümper in gleichem Fall (Weingartner 1892) Viel zu hoch und zu tief, Berliner, sind meine Gedanken, Als daß Esel und Ochs könnten sie völlig versteh’n. 10. Sport (Das Publicum spricht:) Uns ist alles nur Sport: vom Rennen der Pferde in Baden Dampfen wir flugs nach Bayreuth – werden dort hypnotisirt. 11. Im Bühnenweihfestspielhause zu Bayreuth Augenverdrehend und stöhnend in höchster, hehrster Entrücktheit Sitzt das hysterische Weib, welches geschieden vom Mann. 12. Kinder der Welt in Bayreuth Parsifals mystischer Dunst soll fromm euch machen, ihr Sünder? An des Jahrhunderts Schluß brauchen wir andere Kost! 13. Hans von Bülow (1892) Lehrreich finde ich Deine Concerte; ohne die Mätzchen Könnten manchmal sogar ganz vollkommen sie sein. 14. Bülow und Bismarck Welch ein Verbrechen, o Hans – Du trägst Politik in’s Concerthaus? Nachsicht hatten wir oft – diesmal treibst Du’s zu arg! 15. Idem Fortschrittsleute und schwarz Ultramontane und Juden Sitzen gedrängt im Saal – Bismarck hassen sie Alle! 16. Idem Hans, Du wüster und ungezogener Liebling der Grazien – Bist Du denn völlig verrückt? – Ha, wir zischen einmal! 17. Antwort Ja, ich gesteh‘ es, ganz ungewöhnlich war heut‘ mein Beginnen, Hatt ich vergessen doch ganz, daß so gewöhnlich Ihr seid. 18. Der moderne Pultvirtuose Gleichwie der Drache in finsterer Höhle de Schatz, gar ängstlich Hüte ich stets den Stock – Keinen laß‘ ich an’s Pult. 19. Idem Zwei- bis dreihundert glänzende Lichter thät ich aufsetzen, Beethoven wäre erstaunt, hört er sein Werk unter mir. 20. Antwort Christus jagte zum Tempel hinaus die Wechsler und Laffen, - Beethoven, kehrt er zurück, würd‘ es so machen mit euch! 21. „Helgoland“ von Anton Bruckner (Wien 1893) Grausam gemordet von wüthenden Tromben, Posaunen und Tuben, Liegen dreihundert Mann – sämmtliche Sänger sind todt. 22. Der Wagner der Sinfonie (A. Bruckner) Früher gab uns die liebliche Donau reizende Walzer, Leider spendet sie jetzt schlimmen sinfonischen Mist. 23. Moderne Oper Declamation herrscht jetzt in der Oper, nicht mehr Gesangskunst; Geht ihr einmal so weit – spricht die Musik doch genug. 24. Titelsucht Vielfaches Eselgeschrei ertönt vor dem Haus des Senates, Jeder schickt seinen Mist, Titel begehrend dafür. 25. Concertdirektion Wolff Urbi et Orbi spendet in Rom der Papst seinen Segen, Aber im klugen Berlin bitt um den Segen des Wolff. 26. Idem Hermann Wolff in Berlin am Karlsbad Nummero neunzehn Liefert euch alles ganz prompt – Häringe, Geiger, Geiger, Gesang. 27. Idem (Wolff als Sirene.) Liebliches Harfen und Singen ertönt vom Dach des Hauses – Seht dort sitzet der Wolff, lockend sie All‘ in’s Büreau. 27 [sic]. Wolff als Charon Welch ein Gewimmel am Ufer von todten und sterbenden Sängern! Gebt Ihr mir Jeder ein‘ Mark, fahr‘ ich Euch über den Styx. 28. Wolff als Bismarck Bismarck, der Alte, erhob die Deutschen auf höhere Stufen; Ich desgleichen – das wißt! – machte Berlin noch groß. 29. Wolff als Stallmeister (zu seinen Dirgenten) Heda, ihr Thiere, allez! und zeiget nun, was ihr gelernet, Mätzchen, macht sie fein – glaubt ihr, ich zahl‘ euch umsonst? 30. Dirigenten-Wettrennen (Hoppegarten und Philharmonie) Draußen rennen die Rosse, drinnen die Taktstockschwinger – Glücklich bist Du, Berlin, immer ist etwas zu sehen! 31. Wolff als Sachkenner (zu seinen Dirigenten) Was ihr auch thut, vergesset mir nun und nimmer das Mätzchen; Zärtlich liebt man es hier – glaubt mir, ich kenn Berlin. 32. Wolff als Faust Auch von meinen irdischen Tagen, o glaubt es, ihr Menschen, Kann in Aeonen die Spur nie und nimmer vergeh’n. 33. Wolff als Centrum der Welt Centrum der Welt ist Berlin, die mächtig anwachsende Hauptstadt, Aber das Centrum Berlins – das ist das Wolff’sche Büreau. 34. An .... Schön und gefahrlos ist es, ausschließlich das Alte zu pflegen, denn daß die Classiker gut, wissen wir Alle genau. 35. Idem Hüte dich aber, o Freund, beim richtigen Cultus der Todten, daß Du nicht selber erstarrst – schade doch wär‘ es um Dich. 36. Tageskritik Als der Herrgott die Flöhe und Läuse und Wanzen erschaffen, Schuf er auch lächelnd euch – Ungeziefer muß sein! 37. Aus dem Redactionsbüreau einer Musikzeitung „Wendet der Mensch sich zu uns, und hat er auf’s Blatt abonniret?“ „„Nein!““[sic] – „Das dacht ich mir wohl; gerbt ihm tüchtig das Fell!“ 38. Zeitungen Habet ihr schon das Wort des unsterblichen Dichters vergessen? „Zeitungen liebe ich nicht, denn sie dienen der Zeit.“ 39. Liedertafel-Jubiläum Tönende Redeb verkünden was alles gethan ihr seit Jahren – Doch die Annalen der Kunst wissen blutwenig davon. 40. Idem Freut euch in diesem Jahrhundert des leicht erworbenen Rühmchens, Denn im nächsten seid todt ihr und der Männergesang. 41. Wohlwollende Kritik Jahrelang lauern wir schon, ob endlich die Kraft ihm erlahme, Aber, gar ärgerlich ist’s – immer noch spielet er gut. 42. Respect vor der Kunst „Sehen Sie Vetter, der Junge war leider zu nichts zu gebrauchen, Und da sagte mein Mann: Musiker möge er sein!“ 43. Ueberfüllung Conservatoriums-Proletariat, wohin mit euch Allen? Hier ist es wirklich zu voll – wandert nach Zanzibar aus! 44. Polizeiliches Verbot (betreff. das I. Violinconcert von M. B.) Da sich in neuester Zeit das erschreckende Factum ereignet, Daß die Geigen von selbst spielten das erste Concert, Machen wir schleunigst bekannt zur Beruhigung ängstlicher Seelen, Daß wir besagtes Concert hierdurch verbieten mit Ernst.Bemerkung: Max Bruch Siehe auch Br. Korr. 154, 663 - Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff vom 25.06.1895 - vermutlich Beilage Nicht signiertes, nicht datiertes Autograph aus dem Besitz von Ernst Rudorff.
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4317168, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4317168
Erfassung: 11. Februar 2026 ; Modifikation: 26. Februar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-02-26T15:52:32+01:00
